Eine Grenze quer durch die Stadt
In der Nacht zum 13. August 1961 riegelten Polizei, Grenzeinheiten und Betriebskampfgruppen der DDR die Sektorengrenze ab. Zuerst waren es Stacheldraht und Straßensperren, wenige Tage später wuchsen die ersten Mauern aus Betonblöcken und Hohlsteinen.
Die DDR-Führung nannte das Bauwerk „antifaschistischer Schutzwall“. Gerichtet war es gegen die eigene Bevölkerung: Seit 1949 hatten rund 2,6 Millionen Menschen das Land verlassen, viele über das bis dahin offene Berlin. Über Nacht wurden Straßen, Familien und Arbeitswege getrennt, U- und S-Bahn-Linien endeten an der Grenze oder fuhren ohne Halt unter dem Ostteil hindurch.
Über die Jahre wurde aus der Mauer ein gestaffeltes System. Wer von Osten kam, stieß zuerst auf die Hinterlandmauer, dann auf einen Signalzaun, der bei Berührung Alarm auslöste, auf Kolonnenweg, Lichttrasse und Wachtürme – und erst am Ende auf die eigentliche Grenzmauer. Ab Mitte der 1970er-Jahre bestand sie vielerorts aus L-förmigen Betonsegmenten von 3,60 Metern Höhe mit einem runden Rohr als Abschluss. Insgesamt umschlossen rund 155 Kilometer Grenzanlagen West-Berlin; gut 43 Kilometer davon trennten West- und Ost-Berlin, der Rest lag zwischen West-Berlin und dem brandenburgischen Umland.
Nach dem Forschungsstand der Stiftung Berliner Mauer und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam kamen mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer ums Leben: Sie wurden erschossen, verunglückten bei der Flucht oder nahmen sich nach einem gescheiterten Fluchtversuch das Leben. Unter ihnen sind auch acht Grenzsoldaten, die im Dienst getötet wurden.
Am Abend des 9. November 1989 verlas Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz eine neue Reiseregelung. Auf die Frage, ab wann sie gelte, antwortete er: „sofort, unverzüglich“. Tausende zogen zu den Übergängen, an der Bornholmer Straße öffnete sich der Schlagbaum am späten Abend als erster. Der offizielle Abriss begann am 13. Juni 1990 an der Bernauer Straße; innerhalb eines knappen Jahres war die Mauer aus dem Stadtbild weitgehend verschwunden.
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13. August 1961
Abriegelung
Stacheldraht und Sperren entlang der Sektorengrenze, in den folgenden Tagen die ersten Mauerabschnitte.
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24. August 1961
Erste tödliche Schüsse
Günter Litfin wird am Humboldthafen erschossen, er ist der erste Flüchtling, der an der Mauer durch Schüsse stirbt.
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17. August 1962
Peter Fechter
Der 18-Jährige wird an der Zimmerstraße angeschossen und verblutet im Grenzstreifen, vor den Augen von Menschen auf beiden Seiten.
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5./6. Februar 1989
Chris Gueffroy
Am Britzer Verbindungskanal erschossen – das letzte Todesopfer durch Schüsse an der Mauer.
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9. November 1989
Die Mauer ist offen
Der Übergang Bornholmer Straße öffnet als erster, in der Nacht folgen die übrigen. Tausende gehen zu Fuß in den Westteil der Stadt.
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13. Juni 1990
Abriss
Offizieller Beginn der Demontage an der Bernauer Straße, Ecke Ackerstraße.
Bernauer Straße
Nirgends lässt sich der Aufbau der Grenzanlagen so gut nachvollziehen wie an der Bernauer Straße. Die Gedenkstätte Berliner Mauer erstreckt sich hier über rund 1,4 Kilometer zwischen Gartenstraße und Schwedter Straße.
Die Straße selbst erklärt, warum gerade dieser Ort so bekannt wurde. Der Gehweg gehörte zum französischen Sektor und damit zum Westen, die Häuser auf der Südseite lagen im Ostteil der Stadt. Im August 1961 sprangen Bewohnerinnen und Bewohner aus ihren Fenstern auf den West-Berliner Bürgersteig, die Feuerwehr hielt Sprungtücher bereit. Ida Siekmann starb an den Verletzungen nach einem solchen Sprung; sie gilt als erstes Todesopfer an der Mauer. Später wurden die Fenster zugemauert, die Bewohner umgesiedelt und die Häuser abgerissen.
„An der Bernauer Straße verlief die Grenze an der Hauswand: Wer aus dem Fenster sprang, landete im Westen.“
Heute zeichnen rostbraune Stahlstäbe den Verlauf der Grenzmauer nach, Markierungen im Boden zeigen, wo Fluchttunnel gegraben wurden und wo Häuser standen. An der Ecke Ackerstraße ist auf etwa 70 Metern ein Abschnitt des Grenzstreifens mit Hinterlandmauer, Postenweg, Lichttrasse und Wachturm erhalten. Vom Aussichtsturm des Dokumentationszentrums auf der anderen Straßenseite blicken Sie von oben in diese Anlage – erst aus der Höhe wird klar, wie breit und wie leer der Todesstreifen war.
Mitten im früheren Grenzstreifen steht die Kapelle der Versöhnung. Sie ersetzt die Versöhnungskirche, die im Sperrgebiet lag und 1985 gesprengt wurde; der ovale Neubau aus Stampflehm wurde am 9. November 2000 geweiht. Ein paar Schritte weiter zeigt das „Fenster des Gedenkens“ Porträts von Menschen, die an der Mauer ums Leben kamen. Im Besucherzentrum an der Gartenstraße erhalten Sie einen Überblick über das Gelände; im nahen S-Bahnhof Nordbahnhof erzählt eine kleine Ausstellung von den „Geisterbahnhöfen“, durch die West-Berliner Züge ohne Halt unter Ost-Berlin hindurchfuhren.
Achtung
Die Gedenkstätte ist ein Ort der Trauer. Bitte klettern Sie nicht auf die Mauerreste, sprechen Sie am Fenster des Gedenkens und in der Kapelle leise und lassen Sie Blumen und Kerzen, die andere niedergelegt haben, an ihrem Platz.
East Side Gallery
An der Mühlenstraße in Friedrichshain, zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke, steht das längste erhaltene Stück Mauer in Berlin.
Genau genommen handelt es sich um die Hinterlandmauer. Die eigentliche Grenze verlief hier am Kreuzberger Ufer, die Spree selbst gehörte zum Ostteil. Im Frühjahr 1990 bemalten 118 Künstlerinnen und Künstler aus 21 Ländern die Straßenseite auf rund 1,3 Kilometern – aus dem grauen Hindernis wurde in wenigen Monaten eine Freiluftgalerie. Das bekannteste Motiv ist Dmitri Wrubels Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker, dazu kommen Bilder über Freiheit, Teilung und Grenzen in aller Welt.
Wetter, Abgase und Kritzeleien setzten den Bildern zu. 2009 malten die meisten Künstlerinnen und Künstler ihre Werke neu, seit 2018 kümmert sich die Stiftung Berliner Mauer um das Denkmal. Laufen Sie die Galerie am besten vom Ostbahnhof in Richtung Oberbaumbrücke: So endet der Spaziergang am Wasser, mit Blick auf die Brücke, die zu Mauerzeiten zeitweise als Grenzübergang für Fußgänger diente. Mehr über die Ufer der Spree lesen Sie in Berlin am Wasser.
Die Rückseite zur Spree hin ist von Graffiti überzogen. Die Bilder auf der Straßenseite dagegen sind geschützte Kunstwerke – bitte schreiben oder kleben Sie nichts darauf.
Checkpoint Charlie und Tränenpalast
Zwei frühere Grenzübergänge, zwei sehr unterschiedliche Orte: hier eine Kulisse mitten im Verkehr, dort eine stille Halle am Bahnhof.
Checkpoint Charlie
An der Friedrichstraße, Ecke Zimmerstraße, lag der bekannteste Übergang der geteilten Stadt. Er war Ausländern, Diplomaten und Angehörigen der alliierten Streitkräfte vorbehalten. Ende Oktober 1961 standen sich hier amerikanische und sowjetische Panzer auf wenigen Metern Abstand gegenüber, einer der gefährlichsten Momente des Kalten Kriegs.
Heute ist der Ort vor allem Kulisse. Das Kontrollhäuschen mit den Sandsäcken ist ein Nachbau, ringsum drängen sich Andenkenstände und Reisegruppen. Tafeln am Straßenrand erklären die Geschichte des Übergangs. Wenige Schritte östlich erinnert an der Zimmerstraße eine Stele an Peter Fechter – ein ruhigerer Ort, an dem man kurz innehalten kann.
Tränenpalast
Am Bahnhof Friedrichstraße steht ein heller Pavillon aus Glas und Stahl, 1962 als Ausreisehalle des Grenzübergangs eröffnet. Hier verabschiedeten sich Ost-Berliner von Besuchern aus dem Westen, die zurückfahren durften – daher der Name. Seit 2011 zeigt die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland darin eine Dauerausstellung über den Alltag der Teilung: Abfertigungskabinen, Formulare, persönliche Geschichten von Trennung und Wiedersehen. Die Ausstellung ist überschaubar und passt gut zwischen zwei andere Stationen.
Spuren im Boden und der Mauerweg
In der Innenstadt verschwand die Mauer schnell. Neubauten, Straßen und Parks schlossen die Lücke – wer genau hinsieht, findet sie trotzdem.
Damit der Verlauf lesbar bleibt, ist er auf mehreren Kilometern mit einer Doppelreihe aus Pflastersteinen im Boden markiert, unterbrochen von Metallplatten mit der Inschrift „Berliner Mauer 1961–1989“. Besonders gut folgen Sie der Linie entlang der Ebertstraße zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz; dort stehen auch einige originale Mauersegmente. An der Niederkirchnerstraße hat sich neben der Topographie des Terrors ein rund 200 Meter langes Stück erhalten, mehr dazu in unserem Beitrag über Erinnerungsorte.
Wer mehr Zeit hat, folgt dem Berliner Mauerweg. Er führt auf rund 160 Kilometern einmal um das frühere West-Berlin, oft auf dem alten Kolonnenweg der Grenztruppen, und ist durchgehend ausgeschildert. Gut 50 Kilometer verlaufen durch die Stadt, rund 110 Kilometer am Stadtrand durch Wälder, Felder und an Seen entlang. Gedenkstelen erinnern unterwegs an Todesopfer und an Fluchten. Im Frühjahr blühen an einigen Abschnitten japanische Kirschbäume, die nach der Wiedervereinigung als Spende aus Japan gepflanzt wurden – mehr zur besten Reisezeit in Berlin im Jahreslauf.
Steckbrief Berliner Mauerweg
- Länge
- rund 160 Kilometer
- Innenstadt
- gut 50 Kilometer
- Stadtrand
- rund 110 Kilometer
- Kennzeichnung
- Schilder „Berliner Mauerweg“
- Geeignet für
- Rad und zu Fuß, am besten in Etappen
Ein Tag entlang der Mauer
Die wichtigsten Mauerorte lassen sich an einem Tag verbinden, wenn Sie früh beginnen und zwischendurch S- oder U-Bahn nehmen. Die Route führt von Norden nach Süden und endet an der Spree.
Bernauer Straße
Vormittags zur Gedenkstätte: Besucherzentrum, Aussichtsturm, Kapelle der Versöhnung. Rechnen Sie mit gut zwei Stunden.
Nordbahnhof und Friedrichstraße
Mit der S-Bahn zwei Stationen bis Friedrichstraße, dort direkt in den Tränenpalast.
Spreeufer und Brandenburger Tor
Rund 15 Minuten zu Fuß. Am Ufer neben dem Reichstagsgebäude erinnern weiße Kreuze an Todesopfer der Mauer.
Ebertstraße bis Potsdamer Platz
Der Pflastersteinlinie nach Süden folgen, gut einen Kilometer, vorbei an Mauersegmenten am Potsdamer Platz.
Niederkirchnerstraße und Checkpoint Charlie
Das erhaltene Mauerstück an der Topographie des Terrors, dann über die Zimmerstraße zum früheren Übergang.
East Side Gallery
Mit U- und S-Bahn zum Ostbahnhof oder zur Warschauer Straße, am späten Nachmittag die Galerie entlang bis zur Oberbaumbrücke.
Tipp
Nur ein halber Tag?
Dann beschränken Sie sich auf die Bernauer Straße und die East Side Gallery. Zusammen ergeben sie das vollständigste Bild: hier der Grenzstreifen im Querschnitt, dort die Mauer als Bildträger nach 1989. Weitere Ideen für kurze Aufenthalte finden Sie unter Ein Wochenende in Berlin.
Hinweis
Das Außengelände an der Bernauer Straße ist in der Regel frei zugänglich. Für Dokumentationszentrum, Besucherzentrum und Tränenpalast prüfen Sie bitte Öffnungszeiten und Besuchsregeln vorab auf den offiziellen Seiten der Stiftung Berliner Mauer und der Stiftung Haus der Geschichte.
So kommen Sie hin
- S-Bahn
NordbahnhofAn der Gartenstraße, wo die Gedenkstätte Berliner Mauer beginnt; das Besucherzentrum liegt gegenüber.
- U + Tram
Bernauer StraßeU-Bahnhof an der Brunnenstraße; eine Tramlinie fährt die Bernauer Straße entlang.
- S + U
FriedrichstraßeDer Tränenpalast steht unmittelbar neben dem Bahnhof, an der Spreeseite.
- U-Bahn
Kochstraße/Checkpoint CharlieDer frühere Übergang liegt wenige Schritte nördlich des Bahnhofs.
- S + U
Ostbahnhof oder Warschauer StraßeDie East Side Gallery beginnt nahe dem Ostbahnhof und endet an der Oberbaumbrücke.
Linienführung und Fahrpläne ändern sich – bitte vor der Fahrt die aktuellen Verbindungsauskünfte prüfen. Praktisches zu Tarifbereichen lesen Sie in unseren Reisetipps.